Zwei Systeme, ein Problem – und sehr unterschiedliche Antworten
Letzte Woche war ich Ski fahren. Nicht mit Analyseabsicht, sondern ganz banal zum Abschalten. Und trotzdem passiert es dann: Man sieht Strukturen. Man sieht Abläufe. Und man erkennt Parallelen zu einer Branche, die man sehr gut kennt. Skigebiete und Schwimmbäder ähneln sich in viel mehr Punkten, als man gemeinhin denkt – und gehen dennoch völlig unterschiedlich mit diesen Gemeinsamkeiten um.
Beide Systeme sind Freizeitdienstleister. Beide sind stark wetterabhängig. Beide benötigen enorme Mengen an Energie und Wasser. Beide haben einen hohen Personalbedarf, der Fachwissen, Verantwortungsbewusstsein und Flexibilität verlangt. Und beide kämpfen seit Jahren mit steigenden Kosten, wachsendem Erwartungsdruck und knapper werdenden Ressourcen.
Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Problem – sondern in der Reaktion darauf.
Statisch versus dynamisch
Schwimmbäder sind in vielen Fällen statisch organisiert. Öffnungszeiten stehen fest. Preise sind über Jahre nahezu unverändert. Angebote ändern sich selten grundlegend. Das System ist auf Gleichförmigkeit ausgelegt: gleicher Eintrittspreis, gleiche Leistung, egal ob Montagmorgen bei Regen oder Samstagnachmittag bei 32 Grad.
Skigebiete funktionieren anders. Sie sind gezwungen, dynamisch zu sein. Wetter, Schneelage, Nachfrage und Auslastung schwanken massiv – und genau darauf reagieren sie. Preise variieren. Kapazitäten werden gesteuert. Angebote werden angepasst. Stillstand ist keine Option, weil er sofort wirtschaftlich spürbar wäre.
Diese Dynamik ist kein Selbstzweck, sondern eine Überlebensstrategie.
Kapazitäten werden genutzt – oder verschenkt
Ein Skigebiet denkt permanent in Auslastung. Wann kommen wie viele Gäste? Wie lassen sich Spitzen steuern? Wie können Randzeiten attraktiver gemacht werden? Daraus entstehen Frühbucherpreise, Tageszeitmodelle, Online-Tickets, Kontingente, Events außerhalb der klassischen Hauptzeiten.
Schwimmbäder hingegen akzeptieren häufig Leerzeiten als gegeben. Vormittage unter der Woche, verregnete Sommertage, Randstunden – all das wird hingenommen, statt aktiv gestaltet. Dabei ist die Infrastruktur vorhanden, das Personal ist da, die Technik läuft. Die Kapazität existiert – sie wird nur nicht genutzt.
Das ist betriebswirtschaftlich schwer zu rechtfertigen.
Preislogik: Realität trifft Selbstbild
Ein Blick auf Preise zeigt die Schieflage besonders deutlich. Auf der Berghütte kostet das Weizenbier sechs Euro – und niemand diskutiert ernsthaft darüber. Der Skipass für einen Tag liegt bei 70, 80 Euro oder mehr. Und auch das wird akzeptiert, obwohl der Gast weiß, dass Schnee, Lifte und Personal wetterabhängig und teuer sind.
Im Schwimmbad dagegen kostet der Tageseintritt teilweise fünf Euro. Ein Getränk drei Euro. Oft wird argumentiert mit Daseinsvorsorge, sozialer Verantwortung, Zugänglichkeit. Das ist grundsätzlich richtig – aber es ist nicht die ganze Wahrheit.
Denn auch Schwimmbäder sind komplexe Hochleistungsbetriebe. Sie brauchen qualifiziertes Personal. Sie brauchen funktionierende Technik. Sie brauchen enorme Mengen an Energie und Wasser. Und sie sind genauso vom Wetter abhängig wie ein Skigebiet.
Der Unterschied ist: Skigebiete haben gelernt, diese Realität in ihre Preislogik zu integrieren. Schwimmbäder verstecken sich häufig hinter einem Selbstbild, das wirtschaftliche Wahrheit ausblendet.
Daseinsvorsorge – ja. Aber nicht als Ausrede.
Daseinsvorsorge wird im Bäderbereich oft als Totschlagargument genutzt. Als Begründung dafür, warum Preise niedrig bleiben müssen, warum Angebote nicht verändert werden dürfen, warum wirtschaftliche Überlegungen nachrangig sind.
Dabei sind Skigebiete ebenfalls Teil regionaler Daseinsvorsorge: Arbeitsplätze, Tourismus, Infrastruktur, Wertschöpfung. Der Unterschied ist, dass dort niemand auf die Idee käme, Wirtschaftlichkeit und Gemeinwohl gegeneinander auszuspielen.
Schwimmbäder müssen sozial zugänglich sein – keine Frage. Aber soziale Verantwortung und betriebswirtschaftliche Vernunft schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Ohne wirtschaftliche Tragfähigkeit ist langfristige Versorgung nicht möglich.
Personal, Know-how, Verantwortung – identische Anforderungen
Ein weiterer Punkt, der oft unterschätzt wird: Beide Systeme leben von Menschen, die mehr können müssen als einfache Routinen. Im Skigebiet wie im Schwimmbad reicht es nicht, „seinen Job“ zu machen. Technik fällt aus. Situationen eskalieren. Sicherheit muss gewährleistet werden. Entscheidungen müssen vor Ort getroffen werden.
Der Anspruch an das Personal ist hoch – fachlich, menschlich, organisatorisch. Und genau deshalb ist es problematisch, wenn dieses Know-how in einem System arbeitet, das wirtschaftlich auf Minimalniveau kalkuliert ist.
Skigebiete kalkulieren Personal als zentralen Erfolgsfaktor. Schwimmbäder behandeln es oft als Kostenblock, den man möglichst klein halten muss. Die Folgen sind bekannt: Fachkräftemangel, Überlastung, geringe Attraktivität des Berufs.
Lernen durch Zwang – oder durch Einsicht
Skigebiete mussten lernen, dynamisch zu werden. Der Klimawandel, steigende Energiekosten und verändertes Freizeitverhalten haben sie dazu gezwungen. Schwimmbäder stehen vor denselben Herausforderungen – nur reagieren sie langsamer.
Noch!
Der entscheidende Punkt ist: Die Probleme sind identisch. Die Systeme sind vergleichbar. Die Unterschiede liegen im Denken. Während Skigebiete Kapazitäten steuern, Preise anpassen und Angebote entwickeln, verharren Schwimmbäder häufig in Strukturen, die aus einer Zeit stammen, in der Energie billig, Personal verfügbar und Wetter verlässlicher war.
Diese Zeit ist vorbei.
Ein nüchterner Blick nach vorn
Der Vergleich zwischen Skigebieten und Schwimmbädern ist unbequem, weil er zeigt, dass viele Herausforderungen nicht naturgegeben sind, sondern hausgemacht – oder zumindest hausintern verstärkt werden. Dynamik ist kein Luxus, sondern eine Antwort auf Unsicherheit. Und wer wetterabhängig ist, muss beweglich sein.
Skigebiete haben das akzeptiert. Schwimmbäder diskutieren noch.
Die Frage ist nicht, ob sich Schwimmbäder verändern dürfen.
Die Frage ist, wie lange sie es sich noch leisten können, es nicht zu tun.
